Drahtseile: Funktion, Einsatz und Normung

Lernabschnitt

Drahtseile: Funktion, Einsatz und Normung

Drahtseile sind zentrale Bauteile der mechanischen Ausrüstung fördertechnischer Maschinen. Dieser Text ordnet sie ein, unterscheidet Seilarten und Aufbau und zeigt, welche Normen für sie gelten.

Quelle: Folien 2–12, 15–16

Einordnung in die mechanische Ausrüstung

Zu den wichtigsten Bauteilen fördertechnischer Maschinen, die keine allgemeinen Maschinenelemente (Wellen, Lager, Kupplungen, Getriebe u. a.) sind, gehören:

  • Drahtseile und Seiltriebelemente wie Rollen, Trommeln, Treibscheiben
  • Ketten und Elemente der Kettentriebe
  • Mechanische Bremsen
  • Laufräder und Schienen

Merksatz

Drahtseile gehören zur mechanischen Ausrüstung fördertechnischer Maschinen – nicht zu den allgemeinen Maschinenelementen.

Funktion, Bewegungsart und Einsatzgebiete

Drahtseile übertragen ausschließlich Zugkräfte. Nach der Art der Bewegung unterscheidet man:

  • Stehende Seile – z. B. Tragseile von Seilbahnen, Abspannseile
  • Laufende Seile – z. B. Hubseile bei Kranen, Aufzügen und Schachtförderanlagen, Zugseile bei Seilbahnen

Typische Einsatzgebiete sind Hebezeuge, Schachtfördermaschinen, Aufzüge, Stetigförderer und Bagger.

Genauer lassen sich vier Grundfunktionen unterscheiden:

SeilartFunktionAnwendungsbeispiel
Laufendes SeilFührung über eine RolleKranflasche
Stehendes Seil (Abspannseil)Abspannung eines MastsSchrägseilbrücke
TragseilFührung von RollenlaufwerkenSeilbahn
AnschlagseilHalterung einer LastBetonrohr am Haken
Schematische Darstellung und Anwendungsfotos der Seilfunktionen
Seilfunktionen: laufende, stehende und Anschlagseile (Folie 4)

Merksatz

Drahtseile übertragen nur Zugkräfte – stehend, laufend, als Tragseil oder als Anschlagseil zur Lastaufnahme.

Vorteile und Nachteile gegenüber Ketten

Vorteile von Drahtseilen gegenüber Ketten:

  • Geringe Masse bei großer Bruchlast
  • Durch den Aufbau aus vielen nebeneinander liegenden (verseilten) Einzeldrähten geringen Durchmessers ist ein Versagen durch gleichzeitiges Reißen aller Einzeldrähte unwahrscheinlich
  • Stoßfreier Lauf auch bei großen Arbeitsgeschwindigkeiten

Nachteile gegenüber Ketten:

  • Korrosionsanfälligkeit infolge der großen Oberfläche der Einzeldrähte
  • Große Umlenkdurchmesser infolge der Biegesteifigkeit
  • Empfindlichkeit gegen hohe Temperaturen, weil die Schmierung der Seile versagt

Merksatz

Viele dünne Einzeldrähte machen Drahtseile sicher gegen Totalversagen – aber anfällig für Korrosion und Temperaturschäden.

Unterscheidungsmerkmale von Drahtseilen

Neben der Grundfunktion (Hubseil, Verstellseil, Halteseil) lassen sich Drahtseile nach weiteren technischen Merkmalen unterscheiden:

  • Kreuzschlag oder Gleichschlag
  • Linksgängig oder rechtsgängig
  • Drehungsfrei oder nicht drehungsfrei
  • Konventionell oder verdichtet
  • Mit oder ohne Kunststoff

Merksatz

Erst die Kombination all dieser Merkmale ergibt das passende Seil für einen konkreten Kran.

Normierung

Für Drahtseile und Seiltriebe gelten mehrere Normen:

  • DIN 15020 Blatt 1 (02/1974): Hebezeuge – Grundsätze für Seiltriebe – Berechnung und Ausführung, künftig ersetzt durch EN 13001 Teil 3-2 und VDI 2358
  • DIN EN 13001-1 (06/2015): Krane – Konstruktion allgemein – Allgemeine Prinzipien und Anforderungen
  • DIN EN 12385 (Ersatz für DIN 3051–3095): Teil 1–4 gelten allgemein für alle Drahtseile, Teil 5–10 für spezielle Anwendungsbereiche
  • DIN ISO 4309 (06/2013): Krane – Drahtseile – Wartung und Instandhaltung, Inspektion und Ablage
  • VDI 2358 (05/2015): Drahtseile für Fördermittel

DIN EN 12385 im Detail:

TeilInhaltDatum
1Allgemeine Anforderungen01/2009
2Begriffe, Bezeichnungen und Klassifizierung06/2008; 01/2009
3Informationen für Gebrauch und Instandhaltung06/2008; 01/2009
4Litzenseile für allgemeine Hebezwecke06/2008; 01/2009
5Litzenseile für Aufzüge03/2003; 02/2006
6Litzenseile für Schachtförderanlagen03/2004
7Verschlossene Spiralseile für Schachtförderanlagen des Bergbaus02/2003
8Litzenseile als Zug- und Tragseile für Seilbahnen/Personenverkehr03/2003
9Verschlossene Tragseile für Seilbahnen für den Personenverkehr03/2003
10Spiralseile für Anwendungen im Baubereich07/2008; 01/2009

Merksatz

DIN EN 12385 ist die zentrale Drahtseil-Norm: Teil 1–4 gelten allgemein, Teil 5–10 regeln spezielle Anwendungen. DIN ISO 4309 regelt Wartung, Inspektion und Ablage bei Kranen.

Vielfalt und Klassifikation nach Konstruktion

Es gibt eine große Vielfalt spezialisierter Drahtseile (z. B. CASAR-Kranseile) für unterschiedliche Anwendungen wie Mobilkrane, Turmdrehkrane, Containerkrane und Offshore-Einsätze. Sie unterscheiden sich u. a. in Litzenanzahl, Verseilungsart und Drehungseigenschaften (drehungsfrei, drehungsarm) sowie in ihrer Eignung für Mehrlagenspulung. Die Wahl des richtigen Seils hängt von Hubhöhe, Strangzahl, Einscherungsart sowie Belastungen durch Pressung, Abrieb oder Quetschung ab.

Nach Konstruktion (gemäß VDI 2358) werden Drahtseile klassifiziert:

SeilformSeilgruppeVerseilungSeilart
RundseilSpiralseil (Rundlitze)einfach verseiltoffenes, halbverschlossenes oder vollverschlossenes Spiralseil
RundseilRundlitzenseilzweifach verseilteinlagiges oder mehrlagiges Rundlitzenseil
RundseilFormlitzenseilzweifach verseiltDreikantlitzenseil, Flachlitzenseil
RundseilRundlitzenseildreifach verseiltKabelschlagseil
Flechtseileinfach verseilt und geflochtenFlechtseil
Flachseilzweifach verseilt und genäht/geklammert oder gewebtFlachseil
Querschnitte verschiedener Drahtseiltypen
Die Vielfalt moderner Drahtseil-Konstruktionen (Folie 10)

Merksatz

Rundseile haben die größte Varianz und werden einfach, zweifach oder dreifach verseilt; daneben gibt es Flecht- und Flachseile.

Aufbau des Rundlitzenseils

Ein Rundlitzenseil ist hierarchisch aufgebaut: Einzelne Drähte werden zu Litzen verseilt, die aus Litzenkern, Litzeneinlage und den umgebenden Drähten bestehen. Die fertigen Litzen werden anschließend um eine zentrale Seileinlage herum zum fertigen Seil geschlagen.

Schichtweiser Aufbau eines Rundlitzenseils
Vom Draht zum Seil: Aufbau des Rundlitzenseils (Folie 12)

Merksatz

Draht → Litze → Seil: Litzen werden um eine zentrale Seileinlage herum zum Seil geschlagen.

Sonderfall Faserseile

Faserseile werden als Hubseile in modernen Kranen eingesetzt. Ihr Einsatz erhöht die Traglast um ca. 20 % gegenüber vergleichbaren Drahtseilen und sie bieten ein montagefreundliches Handling.

Die Ablegereife von Faserseilen wird durch den Schädigungsgrad charakterisiert. Dieser lässt sich visuell in Stufen einteilen, um zu beurteilen, wann ein Seil abgelegt werden muss – beispielhaft gezeigt werden die Stufen 0 %, 20 %, 60 % und 95 %.

Vier Faserseile mit unterschiedlichem Verschleißgrad
Faserseile: Schädigungsgrade bis zur Ablegereife (Folie 16)

Merksatz

Faserseile bringen ca. +20 % Traglast; ihre Ablegereife wird über den visuell beurteilten Schädigungsgrad bestimmt (0–95 %).