Seildimensionierung nach DIN EN 12385

Lernabschnitt

Seildimensionierung nach DIN EN 12385

Wie dick muss ein Drahtseil sein, damit es einer bestimmten Last sicher standhält? DIN EN 12385 liefert dafür die Grundgleichungen – vom Füllfaktor über die Mindestbruchkraft bis zum durchgerechneten Normbeispiel.

Quelle: Folien 46–52

Grundgleichung nach DIN EN 12385

Die für die Drahtseilberechnung nötigen Größen sind in DIN EN 12385-2 definiert. Die konkreten Berechnungsfaktoren und -konstanten sind dabei nicht mehr für einzelne Seilkonstruktionen festgelegt, sondern in DIN EN 12385-4 für ganze Konstruktionsklassen tabelliert.

Der metallische Seilnennquerschnitt AA [mm²] berechnet sich aus dem Seildurchmesser dd [mm] und dem Faktor CC [-], der sich aus dem Füllfaktor ableitet:

A=Cd2A = C \cdot d^2

Merksatz

C fasst den Füllfaktor in eine direkt nutzbare Konstante um – A hängt danach nur noch von d und C ab.

Füllfaktor

Der Füllfaktor ff ist das Verhältnis des metallischen Querschnitts AA des Seils zur Fläche des umschriebenen Kreises AuA_u:

f=AAuf = \frac{A}{A_u}

Für Hebezeugseile liegt ff je nach Seilkonstruktion typischerweise zwischen 0,470{,}47 und 0,770{,}77.

Daraus ergibt sich der Faktor CC aus der Grundgleichung:

C=fπ4C = f \cdot \frac{\pi}{4}

Kurzes Gespräch · 50 s

Warum ist der Füllfaktor nie 1?

Merksatz

Füllfaktor = wie dicht die Drähte den Seilquerschnitt tatsächlich ausfüllen – je höher f, desto mehr Metall pro mm² Seilfläche.

Mindestbruchkraft und Mindestbruchkraftfaktor

Die rechnerische Seilbruchkraft Fe,minF_{e,min} ergibt sich aus dem Nennseildurchmesser dd, dem Faktor CC und der Seilfestigkeitsklasse RrR_r:

Fe,min=d2CRr1000F_{e,min} = \frac{d^2 \cdot C \cdot R_r}{1000}

Dabei entspricht die Seilfestigkeitsklasse der Drahtnennfestigkeit: Rr=σzBR_r = \sigma_{zB}.

Die tatsächliche Mindestbruchkraft FminF_{min} wird über den dimensionslosen Mindestbruchkraftfaktor KK ermittelt:

Fmin=d2RrK1000F_{min} = \frac{d^2 \cdot R_r \cdot K}{1000}

KK berechnet sich aus dem Füllfaktor ff und dem Verseilverlustfaktor kk:

K=πfk4K = \frac{\pi \cdot f \cdot k}{4}

Der Verseilverlustfaktor kk beschreibt, wie stark die Bruchkraft durch das Verseilen der Einzeldrähte gegenüber einem unverseilten Drahtbündel sinkt – er liegt typischerweise zwischen 0,740{,}74 und 0,90{,}9.

Erklärung zum Hören · 57 s

Die Mindestbruchkraft-Formel in einem Durchgang

Merksatz

K bündelt Füllfaktor UND Verseilverlust in einer Zahl – die reale Mindestbruchkraft ist deshalb immer kleiner als die rein rechnerische Seilbruchkraft F_e,min.

Beispiel aus DIN EN 12385-4

Ein durchgerechnetes Beispiel aus DIN EN 12385-4 zeigt die Anwendung an einem 8×36WS-Seil (8 Litzen, Litzenkonstruktion 1-7-7+7-14, 112 Außendrähte gesamt, 14 Außendrähte je Litze).

Für dieses Seil unterscheidet die Norm zwei Fälle je nach Einlage:

GrößeFasereinlage (Index 1)Stahleinlage (Index 2)
Querschnittsfaktor CCC1=0,357C_1 = 0{,}357C2=0,468C_2 = 0{,}468
Mindestbruchkraftfaktor KKK1=0,293K_1 = 0{,}293K2=0,356K_2 = 0{,}356
Längengewichtsfaktor WWW1=0,348W_1 = 0{,}348W2=0,417W_2 = 0{,}417

Man sieht deutlich: Ein Seil mit Stahleinlage hat einen höheren CC- und KK-Faktor als eines mit Fasereinlage – die Stahleinlage trägt selbst mit und erhöht damit sowohl den metallischen Querschnitt als auch die Mindestbruchkraft bei gleichem Nenndurchmesser dd.

Setzt man z. B. K2=0,356K_2 = 0{,}356 in die Formel für FminF_{min} ein, lässt sich für jeden Nenndurchmesser dd und jede Festigkeitsklasse RrR_r die Mindestbruchkraft eines 8×36WS-Seils mit Stahleinlage direkt berechnen.

Querschnitt des Beispielseils 8x36WS-IWRC
Das Norm-Beispiel: 8x36WS-IWRC (Folie 50)

Beispiel zum Hören · 48 s

Faser- oder Stahleinlage? Der 20-Prozent-Unterschied

Merksatz

Stahleinlage > Fasereinlage bei C, K und W – mehr tragendes Material im Kern erhöht Querschnitt, Bruchkraft und Gewicht pro Länge.

Zusammenfassung

Für die praktische Seilberechnung bei Seiltrieben von Kranen regelt die Norm DIN 15020-1 (künftig EN 13001-3.2) das Vorgehen. Die vereinfachte Berechnung – auch Betriebsfestigkeitsberechnung genannt – berücksichtigt dabei mehrere Einflussgrößen auf Seilbeanspruchung und Lebensdauer:

  • die Triebwerksgruppe des Seiltriebs
  • den Beiwert cc
  • die Beiwerte h1h_1 und h2h_2 (kombiniert als h1h2h_1 \cdot h_2)
  • die Seilrillenform

Diese Größen führen in den folgenden Abschnitten zur praktischen Berechnung des minimalen Seildurchmessers.

Merksatz

DIN EN 12385 liefert die Bruchkraft-Grundlagen, DIN 15020-1 übersetzt sie in die praktische Dimensionierung für Kran-Seiltriebe.