Lernabschnitt
Seilbezeichnung nach DIN EN 12385-2
Die Seilbezeichnung nach DIN EN 12385-2 codiert Maß, Konstruktion, Einlage, Festigkeit, Oberfläche und Schlagart eines Drahtseils in einem einzigen kurzen Ausdruck. Hier lernst du, wie du sie liest und selbst zusammensetzt.
Quelle: Folien 35–42
Seilklasse, Seilkonstruktion und Pflichtangaben
Bei der Bezeichnung von Drahtseilen nach DIN EN 12385-2 unterscheidest du zwei Begriffe: Die Seilklasse fasst eine Gruppe von Seilen mit ähnlichen mechanischen und physikalischen Eigenschaften zusammen. Die Seilkonstruktion beschreibt dagegen die Bauart und Anordnung der einzelnen Elemente des Seils.
Eine normgerechte Seilbezeichnung muss folgende Angaben enthalten:
- Maß(e)
- Seilkonstruktion
- Konstruktion der Einlage
- gegebenenfalls Seilfestigkeitsklasse (= Nennfestigkeit der Drähte)
- Oberflächenausführung der Drähte
- Schlagart und Schlagrichtung
Merksatz
Seilklasse = Gruppe mit ähnlichen Eigenschaften; Seilkonstruktion = Bauart/Anordnung der Elemente. Beides ist nicht dasselbe.
Die sechs Schlüsselmerkmale im Überblick
Jede Seilbezeichnung setzt sich aus bis zu sechs Schlüsselmerkmalen zusammen, die in fester Reihenfolge angegeben werden:
| Schlüsselmerkmal | Inhalt |
|---|---|
| a) | Maß(e) |
| b) | Seilkonstruktion |
| c) | Konstruktion der Einlage |
| d) | gegebenenfalls Seilfestigkeitsklasse |
| e) | Oberflächenausführung der Drähte |
| f) | Schlagart und Schlagrichtung |
Ein Beispiel für den Anfang einer Bezeichnung — die Merkmale a) bis c) — ist 22 6x36WS-IWRC (Maß, Seilkonstruktion, Einlage). Festigkeitsklasse, Oberflächenausführung und Schlagart kommen dahinter.

Merksatz
Die Reihenfolge a) bis f) ist fix — Maß zuerst, Schlagart/-richtung zuletzt.
Maß und vereinfachte Seilkonstruktion
Das Maß gibt den Nenndurchmesser des Seils in mm an (z. B. 22, 32, 95).
Die Seilkonstruktion wird vereinfacht durch drei Angaben dargestellt:
a) die Anzahl der Außenlitzen, b) das Multiplikationszeichen (x), c) die Anzahl der Drähte in jeder Außenlitze samt zugehöriger Litzenbezeichnung.
So liest sich z. B. „6x36WS" als: 6 Außenlitzen, je 36 Drähte, Litzenkonstruktion WS.
Merksatz
Seilkonstruktion vereinfacht = Anzahl Außenlitzen × Anzahl Drähte je Litze + Litzenbezeichnung.
Von der Litzenkonstruktion zur Litzenbezeichnung
Die konkrete Litzenbezeichnung (z. B. die „36" in „6x36WS") leitet sich aus der detaillierten Litzenkonstruktion ab — also aus der Drahtanzahl der einzelnen Lagen und der Verseilungsart. Die Norm unterscheidet vier Grundtypen: Rundlitze mit Parallelverseilung, Rundlitze mit Verbundverseilung, Dreikantlitze und Litze mit Faserkern.
| Typ | Beispiel Litzenkonstruktion | Litzenbezeichnung |
|---|---|---|
| Rundlitze — Parallelverseilung | 1-6-6F-12-12 | 37 |
| Rundlitze — Parallelverseilung | 1-8-8F-16-16 | 49 |
| Rundlitze — Verbundverseilung | 1-7-7+7-14/20-20 | 76 |
| Rundlitze — Verbundverseilung | 1-9-9-9+9-18/24-24 | 103 |
| Dreikantlitze | V-8 | V9 |
| Dreikantlitze | V-12/12 | V25 |
| Litze mit Faserkern | FC-12-12 (Faserkern) | 24FC |
| Litze mit Faserkern | FC-8-8+8-16 | 40FC |
Merksatz
Die Litzenbezeichnung (z. B. „36") ist eine feste Zahl aus der genauen Drahtanordnung der Litze — sie steht direkt vor dem Konstruktionskurzzeichen (z. B. WS).
Kurzzeichen für die Litzenkonstruktionsart
Tabelle 2 der Norm legt fest, mit welchem Kurzzeichen die Art der Litzenkonstruktion gekennzeichnet wird:
| Konstruktionsart | Kurzzeichen | Beispiel |
|---|---|---|
| Einlagige Verseilung | kein Kurzzeichen | 7, d. h. (1-6) |
| Parallelverseilung | S (Seale), W (Warrington), F (Filler) | 19S d. h. (1-9-9); 19W d. h. (1-6-6+6); 25F d. h. (1-6-6F-12) |
| Kombinierte Parallelverseilung | WS | 36WS d. h. (1-7-7+7-14) |
| Verseilung in mehreren Arbeitsgängen | M (Kreuzverseilung), N (Verbundverseilung) | 19M d. h. (1-6/12); 35NW d. h. (1-6-6+6/16) |
Das N ist dabei ein Zusatzzeichen, das vor dem Basiskurzzeichen steht: NS bedeutet Verbund-Seale, NW bedeutet Verbund-Warrington.
Merksatz
S = Seale, W = Warrington, F = Filler, WS = kombiniert, M = Kreuzverseilung, N = Zusatzzeichen für Verbundverseilung.
Konstruktion der Einlage
Das dritte Schlüsselmerkmal (c) ist die Konstruktion der Einlage — sie folgt direkt nach dem Kurzzeichen der Seilkonstruktion, getrennt durch einen Bindestrich (z. B. „6x36WS**-IWRC**").
Die Norm unterscheidet vier Kategorien von Einlagen-Kurzzeichen:
| Kategorie | Kurzzeichen |
|---|---|
| Fasereinlage | FC, NFC, SFC, SPC |
| Stahleinlage | WC, WSC, IWRC, IWRC(K), EPIWRC |
| Parallelverseilung (Kern) | PWRC, PWRC(K) |
| Zentrales Element bei drehungsarmen Seilen | FC, WSC, KWSC |
Im Beispiel „6x36WS-IWRC" steht IWRC (Independent Wire Rope Core) also für eine Stahleinlage.
Merksatz
FC = Fasereinlage, WC/WSC/IWRC = Stahleinlage — der Buchstabe nach dem Bindestrich verrät den Einlagentyp.
Festigkeitsklasse, Oberflächenausführung, Schlagart
Nach der Einlage folgen gegebenenfalls die Seilfestigkeitsklasse (Nennfestigkeit der Drähte, z. B. 1770, 1960 oder 1570) sowie die Oberflächenausführung der Drähte:
| Ausführung | Kurzzeichen |
|---|---|
| Ohne Überzug (blank) | U |
| Zinküberzug Klasse B | B |
| Zinküberzug Klasse A | A |
| Überzug aus Zinklegierung Klasse B | B (Zn/Al) |
| Überzug aus Zinklegierung Klasse A | A (Zn/Al) |
Als letztes Schlüsselmerkmal (f) folgt die Schlagart und Schlagrichtung — in den Beispielen der Folien tauchen dafür die Kurzzeichen „sZ" und „Z" auf.
Damit lässt sich die Beispielbezeichnung 22 6x36WS-IWRC lesen: Maß 22 mm, Seilkonstruktion aus 6 Außenlitzen mit je 36 Drähten (Litzenkonstruktion WS), Einlage aus Stahl (IWRC). Eine vollständige Bezeichnung ergänzt dahinter noch Festigkeitsklasse (z. B. 1770), Oberflächenausführung (z. B. U) und Schlagart/Schlagrichtung (z. B. sZ).

Merksatz
U = blank, B = Zinküberzug Klasse B, A = Zinküberzug Klasse A, (Zn/Al) = Zinklegierungsüberzug.