Lernabschnitt
Seilbeanspruchung
Ein Drahtseil wird auf mehrere Arten gleichzeitig beansprucht. Man unterscheidet dabei Spannungen, die auch ein einzelner, unverseilter Draht erfahren würde, von Spannungen, die erst durch das Verseilen selbst entstehen.
Quelle: Folien 44–45
Primärspannungen
Primärspannungen sind die Spannungen, die auch in unverseilten, parallel liegenden Drähten auftreten würden – sie entstehen unabhängig vom Verseilvorgang. Dazu zählen die ideelle Zugspannung und die Biegespannung.
Die ideelle Zugspannung ergibt sich aus der Seilkraft bezogen auf die metallische Querschnittsfläche :
Dabei ist die Querschnittsfläche des Seilumkreises (aus dem Seildurchmesser ) und der Füllfaktor – das Verhältnis von metallischer Fläche zu umschriebener Fläche:
Der Füllfaktor unterscheidet sich deutlich nach Seilkonstruktion: Bei Spiralseilen liegt er bei etwa , bei Litzenseilen dagegen nur bei – Litzenseile haben durch die Verseilung mehrerer Litzen mehr Zwischenraum zwischen den Drähten.
Wichtig: Die tatsächliche Zugspannung ist wegen der Verseilungseffekte immer größer als die berechnete ideelle Zugspannung:

Merksatz
Die ideelle Zugspannung ist eine rechnerische Vereinfachung – real liegt die Beanspruchung durch die Verseilung höher.
Sekundärspannungen
Sekundärspannungen entstehen erst durch den Verseilvorgang selbst – sie kommen zu den Primärspannungen hinzu:
- Pressungen an den Berührungspunkten zwischen Draht und Seilrille
- Druck- und Schubspannungen zwischen den einzelnen Drähten im Seilinneren
- Biegespannungen an den Kreuzungspunkten der Drahtlagen
Die Pressung lässt sich mit der Fakir-Analogie veranschaulichen: Ein Fakir, der direkt auf einem Nagelbrett liegt, erfährt an jedem einzelnen Nagel eine hohe Punktlast. Liegt zwischen ihm und den Nägeln ein Kissen, verteilt sich sein Gewicht auf eine größere Fläche – die Pressung an jedem Punkt sinkt. Genauso hängt im Seil die Pressung an den Kontaktstellen zwischen Drähten und Rille von der Anzahl und Anordnung der Berührungspunkte ab.

Merksatz
Mehr Kontaktpunkte (wie beim Fakir mit Kissen) senken die Pressung an jedem einzelnen Punkt – Sekundärspannungen entstehen genau an diesen Berührungsstellen.