Seilbeanspruchung

Lernabschnitt

Seilbeanspruchung

Ein Drahtseil wird auf mehrere Arten gleichzeitig beansprucht. Man unterscheidet dabei Spannungen, die auch ein einzelner, unverseilter Draht erfahren würde, von Spannungen, die erst durch das Verseilen selbst entstehen.

Quelle: Folien 44–45

Primärspannungen

Primärspannungen sind die Spannungen, die auch in unverseilten, parallel liegenden Drähten auftreten würden – sie entstehen unabhängig vom Verseilvorgang. Dazu zählen die ideelle Zugspannung und die Biegespannung.

Die ideelle Zugspannung σzi\sigma_{zi} ergibt sich aus der Seilkraft FSF_S bezogen auf die metallische Querschnittsfläche AMA_M:

σzi=FSAM=FSfAS=4FSfdS2π\sigma_{zi} = \frac{F_S}{A_M} = \frac{F_S}{f \cdot A_S} = \frac{4 \cdot F_S}{f \cdot d_S^2 \cdot \pi}

Dabei ist ASA_S die Querschnittsfläche des Seilumkreises (aus dem Seildurchmesser dSd_S) und ff der Füllfaktor – das Verhältnis von metallischer Fläche zu umschriebener Fläche:

f=AMASf = \frac{A_M}{A_S}

Der Füllfaktor unterscheidet sich deutlich nach Seilkonstruktion: Bei Spiralseilen liegt er bei etwa f0,75f \approx 0{,}75, bei Litzenseilen dagegen nur bei f0,450,52f \approx 0{,}45 \dots 0{,}52 – Litzenseile haben durch die Verseilung mehrerer Litzen mehr Zwischenraum zwischen den Drähten.

Wichtig: Die tatsächliche Zugspannung σzB\sigma_{zB} ist wegen der Verseilungseffekte immer größer als die berechnete ideelle Zugspannung:

σzB>σzi\sigma_{zB} > \sigma_{zi}

Spiralseil- und Litzenseil-Querschnitt
Füllungsgrad: Spiralseil vs. Litzenseil (Folie 44)

Merksatz

Die ideelle Zugspannung ist eine rechnerische Vereinfachung – real liegt die Beanspruchung durch die Verseilung höher.

Sekundärspannungen

Sekundärspannungen entstehen erst durch den Verseilvorgang selbst – sie kommen zu den Primärspannungen hinzu:

  • Pressungen an den Berührungspunkten zwischen Draht und Seilrille
  • Druck- und Schubspannungen zwischen den einzelnen Drähten im Seilinneren
  • Biegespannungen an den Kreuzungspunkten der Drahtlagen

Die Pressung lässt sich mit der Fakir-Analogie veranschaulichen: Ein Fakir, der direkt auf einem Nagelbrett liegt, erfährt an jedem einzelnen Nagel eine hohe Punktlast. Liegt zwischen ihm und den Nägeln ein Kissen, verteilt sich sein Gewicht auf eine größere Fläche – die Pressung an jedem Punkt sinkt. Genauso hängt im Seil die Pressung an den Kontaktstellen zwischen Drähten und Rille von der Anzahl und Anordnung der Berührungspunkte ab.

Fakir auf Nagelbrett als Pressungs-Analogie
Pressung anschaulich: die Fakir-Analogie (Folie 45)

Merksatz

Mehr Kontaktpunkte (wie beim Fakir mit Kissen) senken die Pressung an jedem einzelnen Punkt – Sekundärspannungen entstehen genau an diesen Berührungsstellen.