Seildraht und Litze

Lernabschnitt

Seildraht und Litze

Ein Drahtseil ist streng hierarchisch aufgebaut: Draht → Litze → Seil. Hier lernst du, woraus der Seildraht besteht, wie eine Litze aufgebaut ist und welche Verseilungsarten es für Litzen gibt.

Quelle: Folien 13–25

Seildraht

Der Seildraht ist ein Rund- oder Formdraht aus Stahl, meist verzinkt, mit einem Durchmesser von 0,2 bis 5 mm. Er wird in festgelegten Festigkeitsklassen (Zugfestigkeit) hergestellt:

σzB=1370; 1570; 1770; 1960 N/mm2\sigma_{zB} = 1370;\ 1570;\ 1770;\ 1960\ \text{N/mm}^2

Zum Vergleich: Faserseile (aus Naturfasern wie Hanf/Sisal/Baumwolle oder Synthetikfasern wie Polyamid/Polyester/Polypropylen/Kevlar) sind biegsamer, leichter und verletzungsärmer, haben aber eine deutlich geringere Festigkeit als Drahtseile. Sie werden vor allem als Schling- und Anschlagseile sowie im Sport eingesetzt.

Bei einem Nenndurchmesser von 10 mm zeigt sich der Unterschied deutlich:

FaserartLängengewicht [kg/100 m]Mindestbruchkraft [daN]
Hanfseil (DIN 83325)7,4640
Polypropylen-Seil (DIN 83332)4,51530
Polyester-Seil (DIN 83331)8,11680
Polyamid-Seil (DIN 83330)6,22040
Kevlar-Seil8,03470
Drahtseil (DIN 3061)35,75200
Aufbau-Hierarchie: Draht, Litze, Seil
Merkbild: vom Draht über die Litze zum Seil (generierte Illustration, kein Vorlesungsmaterial)

Merksatz

Drahtseil = verzinkter Stahldraht d = 0,2–5 mm, Festigkeitsklassen 1370/1570/1770/1960 N/mm² — bei gleichem Nenndurchmesser deutlich schwerer, aber auch deutlich fester als jedes Faserseil.

Aufbau-Hierarchie: Draht → Litze → Seil

Ein Rundlitzenseil ist streng hierarchisch aufgebaut (nach VDI 2358): Mehrere Drähte werden schraubenlinienförmig um die Litzeneinlage zu einer Litze verseilt. Mehrere dieser Litzen wiederum werden um eine zentrale Seileinlage zum Seil verseilt.

Aufbau eines Rundlitzenseils nach VDI 2358
Aufbau-Hierarchie nach VDI 2358 (Folie 18)

Merksatz

Die Aufbau-Hierarchie eines Rundlitzenseils ist immer: Draht → Litze → Seil.

Litze: Aufbau und Einlage

Eine Litze besteht aus einer Litzeneinlage und einer oder mehreren Lagen von Runddrähten, die um die Litzeneinlage schraubenlinienförmig verseilt sind (1. Verseilvorgang).

Die Einlage bestimmt wichtige Eigenschaften:

  • Fasereinlagen (Natur- oder Chemiefasern) sorgen für elastische Stützung der Litzen und speichern Schmierstoff zur Reibungsminderung.
  • Stahlseileinlagen erhöhen zwar die Quersteifigkeit des Seils, führen aber zum Verlust der Innenschmierung und der elastischen Stützung.

Litzen gibt es in unterschiedlichen Querschnittsformen (nach DIN EN 12385-2): Rundlitze (mit rundem Kerndraht), Flachlitze und Dreikantlitze (mit dreieckigem Kernelement).

Litzen-Querschnitte
Litzen-Querschnittsformen (Folie 20)

Merksatz

Fasereinlage = elastische Stützung + Schmierstoffspeicher; Stahleinlage = mehr Quersteifigkeit, aber weniger Schmierung/Stützung.

Schlagrichtung der Litze

Die Schlagrichtung einer Litze entspricht der Windungsrichtung der Drähte in den Drahtlagen. Wichtig: Die Drähte aller Lagen einer Litze werden stets in derselben Richtung geschlagen. Man unterscheidet:

  • linksgängig (s)
  • rechtsgängig (z)
Schlagrichtungen von Litzen
Linksgängig (S) und rechtsgängig (Z) (Folie 22)

Merksatz

Kleinbuchstaben s/z beschreiben die Schlagrichtung der Drähte in der Litze — s = linksgängig, z = rechtsgängig.

Verseilungsarten der Litze: Standard- und Parallelverseilung

Für die Verseilung der Litze gibt es zwei Hauptarten:

  • Standardverseilung (SV): Die Drähte benachbarter Lagen überkreuzen sich bei gleichem Schlagwinkel, aber ungleicher Schlaglänge → Punktberührung.
  • Parallelverseilung (PV): Alle Drähte verlaufen parallel bei ungleichem Schlagwinkel, aber gleicher Schlaglänge → Linienberührung. PV wird in einem Arbeitsgang gefertigt.

Werden Standard- und Parallelverseilung kombiniert, entstehen Verbundlitzen (z. B. „Warrington gedeckt").

Die gebräuchlichen Parallelschlagmacharten heißen Filler, Seale, Warrington und Warrington-Seale — sie unterscheiden sich in der Anzahl und Anordnung der Drähte je Lage. Solche Litzenkonstruktionen werden über Konstruktionsformeln beschrieben, z. B.:

1+6+6F+12=191 + 6 + 6F + 12 = 19 1+9+9=191 + 9 + 9 = 19 1+6+(6+6)=191 + 6 + (6 + 6) = 19 1+7+(7+7)+14=361 + 7 + (7 + 7) + 14 = 36 1+6+12=191 + 6 + 12 = 19 1+6+(6+6)+16=351 + 6 + (6 + 6) + 16 = 35

Die Formeln beschreiben den Lagenaufbau der jeweiligen Machart: Kerndraht plus die Drähte der einzelnen Lagen („F" bezeichnet dabei Fülldrähte, die nicht zur tragenden Drahtzahl zählen).

Standard- vs. Parallelverseilung
Standardverseilung (Punktberührung) vs. Parallelverseilung (Linienberührung) (Folie 23)

Merksatz

SV = Punktberührung (Drähte überkreuzen sich), PV = Linienberührung (parallele Drähte, 1 Arbeitsgang). Verbundlitze = Kombination aus SV + PV.

Verdichtete Litze

Bei der verdichteten Litze werden die Drähte plastisch verformt, wodurch eine geschlossenere Struktur mit flacheren Kontaktflächen an der Außenseite entsteht — im Vergleich zur konventionellen Litze mit runden Drähten.

Konventionelle vs. verdichtete Litze
Verdichtete Litze im Vergleich (Folie 25)

Merksatz

Verdichtete Litze = plastisch verformte Drähte → geschlossenere, flachere Außenkontur als bei der konventionellen Litze.